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Stromausfall: Moonatics
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Stromausfall_neu


Ahlert_AMoonatics_175321Vergesst Mallorca, Miami oder Cancun - es gibt nur einen Ort wo die Party richtig los geht … den Mond. Zumindest ist das so in Moonatics, dem Debüroman von Arne Ahlert.

Das der Autor genau weiß, wo man am besten Party machen kann, kann ich mir gut vorstellen. Schließlich verbrachte der 1968 in Lüneburg geborene und im Rheinland aufgewachsene Arne Ahlert mehrere Jahre in den USA, Kanada und Australien. Zudem ist er regelmäßig, vorzugsweise in Asien, als Backpacker unterwegs. Heute lebt er in Berlin-Kreuzberg und beschäftigt sich dort neben seinen beruflichen Verpflichtungen mit dem Lauf der Dinge, dem Sinn des Ganzen und natürlich Literatur. Seine Erfahrungen aus seinen zahlreichen Reisen und früheren Lebensmittelpunkten flossen wohl in seinen Debüt-Roman mit ein - mehr aber auch nicht.
In der von Ahlert in Moonatics kreierten fiktiven nahe liegenden Zukunft ist der Webdesigner und Hauptprotagonist Darian Curtis zwar auch ein begeisterter Globetrotter, der schon so gut wie jedes Land der Erde besucht hat. Doch was er mit dem beträchtlichen Erbe, das er eines Tages erhält, anstellt, kann Ahlert nicht aus eigener Erfahrung kennen. Der Held des Romans erfüllt sich mit dem Vermögen nämlich einen lang gehegten Traum: Er fliegt zum Mond, um dort drei Wochen zu entspannen. Das ist in Ahlerts erfundenen Welt der Party-Platz überhaupt und so ist es auch wenig überraschend, das für Darian bereits kurz nach seiner Ankunft die wohl verrückteste Zeit seines Lebens startet: Er geht auf die berühmt berüchtigten Full-Moon-Partys, macht Yachtausflüge auf den endlosen Weiten des Mondstaubs und nimmt an Golfturnieren teil und trifft auf einen Fakir, der ohne Raumanzug spazieren geht, einen Roboter der denkt, er sei Nietzsche. Doch die einschneidendenste Bekanntschaft, die er macht, sind aber sicherlich die Moonatics, eine kleine Gruppe Hippies, die fest auf dem Mond heimisch sind und sich die Zeit dort mit Partys, Tennis und jeder Menge Drogen vertreiben. Fasziniert von dieser Lebensart will er sich den Moonatics anschließen, ohne zu wissen das diese ein dunkles Geheimnis haben...

Leseprobe:

Mein Name ist Darian.

Ich wurde in London geboren, am 11. September 2001 – sicherlich nicht nur für meine Mutter ein unvergesslicher Tag. Mein Vater dagegen war vor meiner Geburt spurlos verschwunden, und bis zu meinem zweiundvierzigsten Geburtstag hatte ich angenommen, dass er nichts von meiner Existenz wusste. Aber dann bekam ich Post.
Zwei Briefe. Der erste war der alljährliche Gruß meiner Mutter, abgestempelt in Indien und mit einer selbst gebastelten Marke frankiert. Offenbar hatte sie sorgfältig den weißen Zackenrand einer echten Briefmarke abgetrennt und ein kleines Selbstporträt hineingefügt; sie trug darauf eine rote Winterjacke, eine Schneebrille und lachte, im Hintergrund war der Mount Everest zu erkennen. Damit es noch echter aussah und der Brief auch wirklich abgestempelt würde, hatte sie eine Portozahl und den Schriftzug HUNDERT JAHRE HIMALAJA hineinkopiert. Dort lebte sie seit Jahren in diversen Aschrams und kommunizierte ausschließlich auf dem Postweg. Da sie nie einen Absender angab und so ihre Unerreichbarkeit zelebrierte, war dies eine sehr einseitige Angelegenheit – sie erkundigte sich nie nach meinem Befinden, da ich ihr ohnehin nicht antworten konnte.
Der zweite Brief war allerdings eine Überraschung: ein Einschreiben einer Anwaltskanzlei aus Rom, einer Sozietät namens Pautsch und Gatera. Ich las zu meinem Erstaunen, dass ich dort bitte persönlich erscheinen möge, um einige Papiere zu unterzeichnen. Ein Aktienpaket. Von meinem Vater.
Verblüfft ließ ich das Schreiben sinken und schaute aus dem Fenster in den verschneiten Londoner Septemberhimmel. Seit Jahren hatte ich nicht mehr an meinen Vater gedacht, schließlich gab es auch nichts, woran ich hätte denken können. Meine Mutter hatte nie viel von ihm erzählt. Ich wusste nur, dass sie sich im Jahr 2000 beim Burning Man in der Wüste von Nevada kennengelernt und einige Monate später auf einer Full-Moon-Party in Thailand wiedergetroffen hatten. Und da war es wohl passiert. Sie hatte mir nie ein Bild von ihm zeigen oder auch nur seinen Namen nennen können – wenn ich mir ihre Fotos von damals anschaue, wie sie so unterwegs war, dann wundert mich das auch nicht. Bis zu diesem Tag hatte ich nicht einmal gewusst, dass er überhaupt noch lebte, und nun ließ er mir über eine römische Anwaltskanzlei ein Aktienpaket zukommen.
So kam es, dass ich bald darauf zum ersten Mal in die Ewige Stadt reiste.  

Mein Hotel in der Via Cavallini lag ein gutes Stück von der Kanzlei entfernt. Der Weg dorthin ließ sich perfekt mit einem Ausflug zum Vatikan verbinden, und so schlenderte ich nach dem Frühstück die Via della Conciliazone entlang, das Signature Hole der Stadt, die die alte römische Engelsburg mit dem Vatikan verband. Mussolini hatte diese Sichtachse einst in die Stadt geschlagen, um so dem Petersdom eine würdige Zufahrt zu geben; mit dieser Schweißnaht im städtebaulichen Gefüge hatte er das Römische Reich, den Vatikan und den Faschismus demonstrativ miteinander verknüpft.
Auf dem Petersplatz sah ich sogar den Papst. Von seinem Balkon grüßte er bei einer Freiluftmesse die versammelte Menge, sein langer roter Bart war weithin zu erkennen. Auf dem Flug hatte ich im Bordmagazin gelesen, er sei bei einem Versuch, zur letzten Wahrheit zu gelangen, auf irgendetwas hängen geblieben. Der Vatikan bestätigte oder dementierte dies natürlich nicht, aber die öffentlichen Auftritte des Heiligen Vaters seien zunehmend seltener und wirrer geworden. Ich schaute eine Weile den Gläubigen zu, wie sie trotz der kühlen Temperaturen nackt in den Kolonnaden tanzten, konnte aber den Anblick der herumschwappenden Brüste und Hodensäcke nicht lange ertragen.  

Die Kanzlei befand sich an der Piazza Mercanti in Trastevere. Der Anwalt, Signor Gatera, ließ mich im düsteren, holzgetäfelten Vorzimmer seines Büros nicht lange warten – kaum hatte ich an dem Espresso genippt, den mir seine Sekretärin gereicht hatte, öffnete sich auch schon die doppelflügelige Tür. Gatera erschien auf der Schwelle und schaute mich mit knappem Lächeln an. Selbst im Gegenlicht war zu erkennen, dass der dunkelblaue Anzug des jungen Anwalts perfekt geschnitten war. »Signor Curtis?«
Ich stellte die kleine Tasse ab und folgte ihm in sein Büro. Er schloss die Tür und bedeutete mir, auf dem braunen Ledersessel vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen. Darauf stand ein ramponierter Globus. Er leuchtete nicht, der Stecker lag herausgezogen auf der schweren Mahagoniplatte.
Ich musste mich zusammenreißen, um den obligatorischen Small Talk höflich zu überstehen. Was interessierte mich das verkommene Wetter oder Fragen nach meinen Eindrücken von Rom, wenn ich kurz davor war zu erfahren, wer mein Vater war und ob er noch lebte?
»Kommen wir zum Geschäftlichen«, sagte Gatera endlich. »Bei dem Aktienpaket handelt es sich nicht um eine Erbschaft – zumindest nicht in dem Sinne, dass Ihr Vater gestorben wäre. Das ist nicht der Fall.«
»Und wer ist es … wie ist sein Name?«, fragte ich.
»Nun, leider bin ich nicht befugt, Ihnen darüber Auskunft zu erteilen, Signor Curtis.« Gatera zupfte an seinem halbseidenen Krawattenknoten. »Das Verfahren ist auf ausdrücklichen Wunsch Ihres Vaters anonym eingeleitet worden. Bedauerlicherweise kann ich Ihnen nicht mehr dazu sagen.« Ich nickte enttäuscht. »Wie hat er mich überhaupt gefunden? Über meine Mutter?« Gatera zuckte mit den Schultern.
»Und wieso gerade an meinem zweiundvierzigsten Geburtstag?«
»Sie wissen schon – zweiundvierzig. Die Antwort auf alle Fragen.« Gatera lächelte ölig. Auf dem dunklen Globus zog sich eine dünne Staubschicht vom Nordpol bis weit nach Europa hinunter. Ich schwieg nachdenklich.
»Um was für Aktien handelt es sich überhaupt?«, erkundigte ich mich.
»Um Anteilsscheine der …«, Gatera räusperte sich, »… BelTech Corporation.«
Ich schaute den Anwalt fragend an. BelTech?
»BelTech ist die global größte Projekt- und Investmentholding – Bergwerke, Staudämme, Sojaplantagen, Raumstationen, Gefängnisse, Militär, Flüchtlingscamps …«
»Klingt eher unsympathisch.«
»Auch wenn die geschäftlichen Aktivitäten von BelTech sicher nicht ganz unumstritten sind«, fuhr Gatera fort und wies mit seinen manikürten Händen in Richtung Fenster, »waren sie bisher doch immer eine äußerst lukrative Anlage. Ihr Vater hat sicherlich auf das richtige Pferd gesetzt.« Ich glaubte in Gateras Augen ein gieriges Funkeln zu erkennen. »Wenn Sie wünschen, können wir für Sie den Verkauf der Aktien übernehmen.«
»Ist der Zeitpunkt denn günstig?«
»Sagen wir so – der Schwerpunkt von BelTech liegt darin, die Ressourcen unseres Planeten in Kapital umzuwandeln. Und die Börsenkurse, wie das Finanzsystem im Allgemeinen, hängen letztlich vom Glauben der Menschen an die Zukunft ab. Und da weder die Ressourcen noch unsere Zukunft allzu viel Anlass zum Optimismus bieten, sollten Sie die Aktien besser zeitnah abstoßen.«
»Das leuchtet ein.«
Gatera nickte. »Wir werden uns umgehend darum kümmern. Meine Sekretärin wird Ihnen die Unterlagen für das Finanzamt mitgeben. Dass Sie den Gewinn aus dem Verkauf der Aktien fristgerecht versteuern, ist von äußerster Wichtigkeit. Das dürfen Sie auf keinen Fall versäumen, die Behörden sind da sehr streng. Und ich habe noch etwas für Sie – von Ihrem Vater.« Gatera überreichte mir einen kleinen Briefumschlag.
Ich wischte unauffällig meine rechte Handfläche am Hosenbein trocken und nahm das Kuvert entgegen. Eine Nachricht von meinem Vater? Hastig öffnete ich den Umschlag und zog einen gefalteten Bogen Papier hervor.
Du wirst dich fragen, warum der Termin ausgerechnet in Rom stattfindet, wo die Kanzlei doch eine Niederlassung in London hat. Es tut dir bestimmt gut, die Ewige Stadt zu sehen. Das wird dein Vertrauen in die Langfristigkeit und Beständigkeit der Dinge vielleicht ein wenig stärken.
Enttäuscht ließ ich das Papier sinken. Das war die erste Nachricht meines Vaters nach zweiundvierzig Jahren?
Ratlos sah ich Gatera an. »Sind Sie sicher, dass das alles ist?« Ich hielt das Blatt fragend in die Höhe.
»In der Tat, mehr gibt es nicht«, sagte Gatera. »Aber die Aktien sind doch auch nicht schlecht, oder?«
Ich nickte schweigend, während Gatera verstohlen auf seine Armbanduhr schaute.


Mit Moonatics hat Arne Ahlert einen kurzweiligen Roman verfasst, der mir als Fan von Per Anhalter durch die Galaxis auf Anhieb gefallen hat. Der Humor ist hier auf jeden Fall auf demselben Level und auch die skurrilen Charaktere und die detailreichen Beschreibungen erinnern einen mehr als einmal an Douglas Adams Bestseller. Moonatics schafft es aber trotzdem ganz eigen zu sein. Ausschlaggebend dafür ist der doch ernste Hintergrund, der dem Ganzen zu Grunde liegt. Der Mond hat sich schließlich nicht umsonst zur neuen Partyhochburg gemausert, sondern weil auf der Erde eine schreckliche Katastrophe herrscht und Terroranschläge die gesamte wirtschaftliche und politische Welt in ihren Grundfesten erschüttern - zwei Themen, die aktueller kaum sein könnten.
Gerade diese Mischung aus ernsten Thema und ausufernden Partys lässt Moonatics zu etwas ganz eigenen werden. Allerdings braucht man auch Geduld. Aufgrund der doch nicht ganz unbeträchtlichen Zahl von 573 Seiten nimmt die Story nur langsam an fahrt auf und selbst dann passiert nicht auf jeder Seite etwas Besonderes.

Fazit:
Auch wenn die Geschichte nicht gerade rasant vonstatten geht, ist Arne Ahlert mit Moonatics ein absolut gelungener Debütroman gelungen. Die Story hat einen ernsten Hintergrund, bietet aber dennoch viel Humor und die Charaktere sind zumeist herrlich skurril. Wer einen Roman im Stile von Per Anhalter durch die Galaxis sucht, wird mit Moonatics also viel Spaß haben!

Zu erwerben gibt es Moonatics für 14,99€ (bzw. 11,99€ als eBook) bei Amazon, direkt bei Heyne oder im Buchhandel.
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Special vom: 20.12.2016
Autor dieses Specials: Stefan Heppert
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