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Brettspiele - Glasstraße
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Die Glasstraße war eines der Highlights auf der Spielmesse in Essen und wenn man die Ausgangssituation begutachtet, ist das auch kein Wunder. Der Verlag Feuerlandspiele, die für den Hit Terra Mystica verantwortlich sind, haben sich mit Uwe Rosenberg zusammengetan, der das großartige Agricola gemacht hat. Da fackelt der Brettspielfan nicht lange und stürzt sich ins Getümmel um die Glasbläserei des 16ten Jahrhunderts.

Letzte Spielrunde. Ich schaue auf die für den Bau ausliegenden Gebäude und vergleiche die Kosten mit meinen vorhandenen Ressourcen. Passt nicht. Ich habe für die Gärtnerei, die mir in der Endabrechnung aufgrund meiner vielen Gehölze auf meiner Gebietskarte viele Punkte einbringen würde, zu wenig Holz. Das bekomme ich vor allem durch die Karten Köhler oder Holzfäller, nur wenn einer meiner Gegner ebenfalls diese Karten auf der Hand hat, dann verliere ich unheimlich viel Schlagkraft in diesem Zug. Was also werden meine Gegner spielen? Und wie kann ich den größten Vorteil daraus ziehen? Ein wahrhaft kniffliges Spiel!

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Ziegelstein im Karton

Doch fangen wir von vorne an! Zuallererst sei gesagt, der Brettspielfreund kriegt hier in Sachen Material was für sein Geld. Wer den Spielkarton anhebt, könnte meinen darin seien Ziegelsteine verpackt. Wer dann hineinguckt sieht ausnahmslos hochwertiges Material in Hülle und Fülle. Spielmarker aus Holz, wunderbar illustrierte Karten und diverse Plättchen aus robusten Karton. Die Optik des Spiels passt wunderbar zum Thema und ist äußerst liebevoll umgesetzt. Einziger Wermutstropfen ist das Rohstoffrad, das nach dem Zusammenbau nicht wirklich plan aufliegt und leicht wackelt.

Bevor es losgehen kann mit der Glasbläserei muss natürlich die Spielanleitung studiert werden. Visuell reiht sich die Anleitung nahtlos in die detaillierte Optik des Spiels ein. Gut strukturiert wird man an das Spiel herangeführt. Manche Erklärung liest sich leider umständlicher als die Praxis es dann vermittelt und erst später eröffnet sich einem das große Ganze dahinter. So wirkt das Spiel etwas komplizierter als es letztendlich ist. Sehr vorbildlich hingegen ist das Glossar, das einen Großteil der Anleitung einnimmt und jede/s Spielkarte und Plättchen noch einmal ausführlich erklärt. Tauchen später Verständnisprobleme bei gewissen Spielelementen auf, kann man äußerst schnell nachschlagen und alle Unklarheiten beseitigen.
Wer aufgrund des Themas und auch der typischen Eurogameoptik ein Workerplacementspiel erwartet, wird positiv überrascht! Das Spiel ist nämlich ein erfrischender Mix aus interaktivem Kartenspiel und kniffliger Ressourcenverwaltung. Absolut schnell und einfach zu spielen, aber mit komplexem Tiefgang.

Dreh das Rad
produktionsraeder_440Jeder Spieler bekommt ein Spielbrett mit seinem zu verwaltenden Gebiet. Dieses Gebiet wird bestückt mit Plättchen aus Wäldern, Seen, Gruben und Hainen. Zusätzlich bleiben einige Felder leer. Je nach Art der Landschaft verschafft einem dies später andere Ressourcen oder Siegpunkte. Außerdem hat jeder Spieler drei Startgebäude, die am Ende gewisse Ressourcen in Siegpunkte umwandeln. Neben dem Spielbrett plus Markern hat jeder Spieler fünfzehn Handwerker in Form von Karten auf der Hand. Abseits der Spielbretter gibt es noch ein Auslagebrett, auf dem pro Runde eine gewisse Anzahl von Gebäuden liegen, die gebaut werden können.

Eine Besonderheit ist das Ressourcenrad. Jetzt wird es kompliziert, ich versuch es trotzdem – auf jeden Fall, das sei vorher schon angemerkt, ist das Teil der Hammer! Jeder Spieler hat zwei Räder. Eines für jeden besonders wertvollen Rohstoff: Ziegelstein und Glas.
Jedes dieser Räder hat wie eine Uhr zwei Zeiger, einen großen und einen kleinen. Die Zeiger sind aber fest miteinander verbunden. Bewegt sich der eine, dreht der andere genau mit. Die Ausgangsstellung ist ungefähr 21h. Nun vergessen wir die Zeiger und erst recht die fiktive Uhrzeit – ich sagte ja, es wird kompliziert – und denken in Zwischenräumen. In dem kleinerem Zwischenraum, also zwischen 21h und 0h, passen 3 Felder der Drehscheibe für die besonderen Rohstoffe, in den größeren Zwischenraum zwischen 0h und 21h passen sieben Felder, auf denen die anderen Rohstoffe (Quarzsand, Nahrung, Holzkohle, Wasser und Holz und beim Ziegeleirad Holzkohle, Lehm und Nahrung) festgehalten werden. Jetzt kommt Bewegung ins Spiel und das ist dann auch der taktische Kniff.

Das erste Feld hinter dem Zeiger für normale Rohstoffe ist die Null. Liegt hier z.B. der Nahrungsmarker, hat man null Nahrung. Das nächste Feld ist die Eins, bis eben wie schon gesagt zur Sieben. Die Regel besagt jetzt, dass sobald kein Rohstoff auf der Null liegt, die Zeiger sich so weit drehen müssen bis der erste Rohstoff wieder auf der Null steht. Dadurch dreht sich der kleine Bereich für die besonderen Rohstoffe mit, nur hier steigt der Wert der Anzeige.
Die Essenz des Ganzen ist denkbar einfach aber genial. Habe ich von allen Rohstoffen mindestens einen, also ist das erste Feld leer, wandert der Zeiger. Ich erhalte dafür automatisch einen besonderen Rohstoff wie z.B. Glas und verliere dafür automatisch von allen anderen einfachen Rohstoffen mindestens einen – da sich regeltechnisch das Rad immer sofort drehen muss, wenn das Feld mit der Null leer ist, ist das Rad kein reiner Ressourcenanzeiger, sondern vor allem automatisierte Umwandlung der einfachen Rohstoffe gegen Besondere.

Kartenspielereien
Wer dachte, das Ressourcenrad wäre jetzt das Highlight, der irrt! Spannung am Spieltisch entsteht durch den Kartenpart. Es gibt insgesamt vier Spielrunden – wer mag und Zeit hat, kann aber noch eine fünfte Runde dranhängen. In jeder Spielrunde wählen die Spieler aus ihren fünfzehn Karten fünf aus und nehmen sie verdeckt auf die Hand. Jeder Spieler legt nun verdeckt einen seiner Berufskarten vor sich auf den Tisch. Dann dreht der erste Mitspieler seine Karte um und kann die zwei auf der Karte vermerkten Aktionen ausführen. Meistens geht es darum, Rohstoffe zu erhalten, seine Landschaft auf der Gebietskarte zu verändern oder Gebäude zu bauen. Hat allerdings einer der anderen Mitspieler den gleichen Beruf noch auf der Hand, muss dieser ihn ebenfalls ausspielen.

Der Clou dabei ist: Der Spieler, der ursprünglich die Karte ausgespielt hat, wird bestraft indem er nur noch eine Aktion des Berufs ausführen darf. Die Spieler, die den Beruf von der Hand spielen können, werden belohnt weil sie neben der Karte die schon vor ihnen auf dem Tisch liegt, zusätzlich die ausgespielte Karte aktivieren dürfen – wenn auch hier wieder nur eine der zwei Aktion. Insgesamt ist der Spielzug beendet, wenn jeder Spieler verdeckt drei Karten ausgespielt hat. Was sich simpel oder evt. nach Glücksspiel anhört, wird ganz schnell enorm taktisch. Die Frage lautet immer: Wer wird anhand des Aufbaus seiner Gebiete, vorhandenen Ressourcen und Gebäuden wohl welche Berufskarten ausspielen, um damit selbst Kapital zu schlagen. Auf der anderen Seite muss man bedenken, was man selbst verdeckt spielt, um damit seine zwei Aktionen zu sichern. Und am Ende müssen die verdeckten Karten natürlich mit meinen vorhandenen Ressourcen und Gebäuden im Einklang stehen. Positiv gemeint, kann das ganz schön für Kopfschmerzen sorgen und ist eine erfrischende Mischung aus Pokern und Ressourcenplanung. Klar ist, reine Planer werden nicht unbedingt glücklich, weil zum Bluffen auch immer Glück gehört, trotzdem ist der Spielmechanismus taktisch fordernd genug, um die Glasstraße nicht in die Glücksspielecke zu stellen – und jeder Zug sorgt für Schadenfreude und Gelächter.

Toll gespielte Karten und pralle Kammern voll mit Rohstoffen sind zwar schön und gut, aber damit gewinnt man am Ende ganz sicher nicht das Spiel. Entscheidend sind die Siegpunkte durch Gebäude. Manche Gebäude bringen rein durch das Bauen dieser auf ein freies Feld auf seiner Gebiettafel Siegpunkte, andere wandeln später Rohstoffe in Siegpunkte um, oder bringen je nach Ausbau der Vegetation Punkte. Heißt, mit der X kriege ich pro See in einem Gebiet einen Punkt, die X wandelt am Ende jede Glasperle in Siegpunkte um. Erschwerend kommt hinzu, dass je nach Spielanzahl nur eine bestimmte Anzahl an Gebäude zum Bau verfügbar ist, der Pool an möglichen Gebäuden aber riesengroß ist. Da die Gebäude zufällig gezogen werden, ergeben sich immer leicht andere Partien.

Zweispieler und Solovariante
Besonders hervorzuheben ist, dass der Spielspaß bei zwei Spielern auf gar keinen Fall gemindert wird. Und man mag es kaum glauben, aber es gibt sogar eine Einspielervariante. Schade ist, dass die maximale Anzahl der Spieler auf vier begrenzt ist, das riecht nach Erweiterungsboxen. Die Spielzeit ist auch äußerst erfrischend. Schnell aufgebaut, fast genau so schnell erklärt, dauert das Spiel bei voller Spieleranzahl selten länger als zwei Stunden.

Fazit:
Die Glasstraße ist ganz sicher kein Strategiekönig und auch kein bedingungslos empfehlenswertes Spiel für reine Planer. Es deswegen links liegen zu lassen wäre aber ein großer Fehler. Es verbindet innovative Ideen wie das Ressourcenrad mit toller Pokermechanik durch das Kartenelement. Dazu gibt es durch unzählige Gebäude stets einen anderen Spielablauf. Die tolle Optik der Spielmaterialien tun ihr übriges dazu, dass die Glasstraße ein extrem empfehlenswertes Spiel für Familien mit etwas älteren Kindern wie auch Vielspielern gleichermaßen ist. Ab unter den Weihnachtsbaum damit!

Hier geht es zur Homepage des Verlags.

glasstrasse

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Special vom: 09.12.2013
Autor dieses Specials: Christian Jacob
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